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Petra Ott

14. Perspektivenwechsel

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… gerade weil ich die Kinder so gut verstehen kann, wie mühsam ein seltsames Kind sein kann, ist es mir umso wichtiger, dass auch die Eltern solche betroffenen Kinder unterstützen beziehungsweise sogar schützen. Vielleicht hätte ich es als Kind auch besser verstanden, wenn man mich aufgeklärt hätte, aber ich hatte die Möglichkeit gar nicht. Heute tut es mir richtig weh, wenn ich daran denke, dass ich so verletzend zu anderen Kindern war. Meine größter Lehrmeister war und ist Max. Durch Max habe ich gelernt mir Situationen durch unterschiedliche Perspektiven zu betrachten.
Je älter er wird, desto intensiver muss ich Verständnis für ihn aufbringen. Es ist schwierig, sogar sehr schwierig, aber ich möchte, dass Max seine Persönlichkeit so gut wie möglich behält und leben kann. In einem System wie der Bildungseinrichtung Schule bestehen zu können, erfordert es laufend, dass Max sich verbiegt, verstellt und beugt. Deshalb versuche ich ihn – so gut es geht – im privaten Bereich auch Max sein zu lassen. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass es mir nicht schwer fällt, denn ich finde Max sehr interessant und bin immer wieder überrascht, welches Wissen er besitzt. Aus der Sicht eines Erwachsenen ist Max´s Persönlichkeit auch sehr spannend, das höre ich im Bekanntenkreis immer wieder. Keiner unserer Freunde kann sich vorstellen, dass Max in der Schule so viele Probleme hat …

13. Ändern des Blickwinkels

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… leider gibt es dieses Bauunternehmen nicht, sonst würde ich es heute selbst gerne in Anspruch nehmen. Max kam heute aus der Schule nach Hause und weinte bitterlich. Bis ich von ihm eine Antwort bekam, dauerte es Minuten, die mir wie Stunden vorkamen. Max weinte oft, aber eben schon lange nicht mehr so intensiv wie heute. Das erinnert mich an die vergangenen zwei Schuljahre, in denen Max von anderen Schülern richtig gemobbt wurde.
Schlimm an der Geschichte ist, dass ich die Kinder, die Max sekkierten, teilweise sogar verstehe, da ich als Kind nicht anders war.
Ich fühlte mich stark, wenn ich Marc und Pauli in der Unterstufe ärgern konnte. Es war förmlich eine Genugtuung, diese beiden „seltsamen“ Buben zum Weinen zu bringen.
Heute sehe ich das natürlich mit anderen Augen und aus einem ganz anderen Blickwinkel als damals. Erstens wusste ich damals nicht, was ich getan und damit den beiden Burschen antat. Zweitens wusste meine Mutter nicht Bescheid und konnte daher auch nicht, so wie ich heute, intervenieren.
Ich habe das sehr geschickt gemacht und die LehrerInnen haben mich als brave Schülerin wahrgenommen. Die Bestätigung erhielt ich auch bei unserem Klassentreffen vor rund einem Jahr. Ich habe immer einen positiven Eindruck hinterlassen. Marc erschien erst gar nicht zum Klassentreffen und Pauli ist mir auf immer böse, was ich ihm auch nicht verübeln kann. Nachdem ich Pauli vor einem Jahr als erwachsenen Mann beim Klassentreffen wiedergesehen habe, bin ich mir 100-%ig sicher, dass er auch ein Asperger-Autist ist. Er hat sich tapfer durch die Schule gequält, wie er selbst dazu sagt und seinen Weg gemacht. Wenn ich mich richtig erinnere, dann sagte er, dass er heute als „Oberförster“ arbeite.
Obwohl es für eine Entschuldigung zu spät war, denn die Gemeinheiten saßen und sitzen noch immer tief, freue ich mich sehr für Pauli, dass er sein Leben so gut meistert…

12. Baustellenservice

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… mir ist es bereits mehrmals gelungen, das Ruder noch rechtzeitig herumzureißen und Eltern – meist Mütter – aus Simons Klasse, zum Nachdenken anzuregen. Die Beispiele von Max und Felix zeigen, wie leicht man von anderen in eine Schublade gesteckt wird. Wer das einmal selbst erlebt hat, wünscht das niemand anderem. Ich würde mir selbst etwas vormachen, wenn ich behaupten würde, dass mir das immer gelingt. Mit der Routine und dem Umgang mit immer wieder neuen Herausforderungen habe ich gelernt, anders damit umzugehen. Ich versuche auch, dass meine Kinder ein offenes Herz für andere Menschen bekommen.

Nach kurzer Anteilnahme und Bemitleidung durch Freunde und Bekannte, steht man schnell wieder alleine vor dem Scherbenhaufen.

Ich würde mir wünschen, dass ich für andere vom Asperger-Autismus betroffene Eltern ein kleines Bauunternehmen gründen kann, um sie dabei zu unterstützen, ihre Baustellen zu koordinieren. Aber ich weiß nicht, ob mir das gelingt …

11.Der kleine Bruder

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… hinter die Kulissen blicke ich zum Beispiel in Simons Klasse. Max Bruder Simon, der ganz „normal“ zu sein scheint, hat in seiner Klasse ein Kind, das ähnliche Schwierigkeiten wie Max hat. Simon selbst hat behauptet, dass dieser Junge, sein Name ist Felix,, auch ein Asperger-Autist sein könnte. Auf der einen Seite hörte ich ihm natürlich aufmerksam zu und erklärte ihm anschließend aber, dass ihm diese Beurteilung nicht zustünde und er das nicht so einfach behaupten darf, da es andere verstören oder erschrecken könnte. Auf der anderen Seite muss ich Simon wiederum in Schutz nehmen, da er etliche Autisten kennt und durch Max bereits viel mit-erlebt hat, was das Spektrum an Abweichungen zur Normalität betrifft. Simon hat keine Berührungsängste und durch Max Kontakt zu vielen Autisten. Er macht das auch sehr gut und unterstützt diese betroffenen Kinder sehr und hat nicht nur durch seinen Bruder Max gelernt, dass er auch einmal zurücksteckt. Simon hat keinerlei Berührungsängste und ist im Umgang mit seinem Bruder Max und anderen betroffenen beziehungsweise autistischen Kindern sehr feinfühlig und rücksichtsvoll. Er hat gelernt, dass es in manchen Situationen besser ist, einfach einmal zurückzustecken. Und genauso feinfühlig verhält er sich auch in seiner Klasse und hat durch seine Erfahrung schnell erkannt, dass Felix Hilfe benötigt.

Felix und Simon besuchen die 4. Klasse Volksschule. Mit einem Lehrerwechsel zu Schulbeginn wurden die Schwierigkeiten für Felix immer schlimmer. Felix ist ein sehr intelligentes Kind. Veränderungen bedeuten für ihn eine große Herausforderung. Und eine neue Lehrerin bedeutet natürlich Veränderung. Aber nicht nur, dass die neue Lehrerin den Unterricht anders gestaltet, kommen in dieser Klasse erstmals Schularbeiten und Noten im Zeugnis. Viele Veränderungen, große Herausforderungen …

Wer dieses Ausmaß nicht erkennt, und sich nicht die Mühe macht hinter besagte Kulissen zu blicken, beschwert sich schnell einmal über das „schlimme Kind“, das impulsiv ist und unerklärte Wutausbrüche hat. Ich habe in letzter Zeit öfters mitbekommen, dass sich Eltern über Felix beklagen. Das kommt mir natürlich sehr bekannt vor. Felix kommt aus einer intakten Familie und hat sehr liebe und bemühte Eltern. Trotzdem braucht er genauso wie Max Unterstützung. Unterstützung, die er jetzt noch nicht erhält. Aber hoffentlich bald!

Ich werde hellhörig und gebe ungefragt meinen Senf dazu, sobald ich mitbekomme, dass sich Eltern über Felix beschweren und schlecht über ihn sprechen. Hier gelingt mir das sehr leicht, da Simon in seiner Klasse sehr beliebt ist und viele Freunde hat. Die wenigsten können sich vorstellen, dass die Probleme mit seinem Bruder Max genau die selben sind wie die mit Felix.

10. Ein Blick hinter die Kulissen

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Wir haben bei der letzten Eskalation wegen des Handys leider noch immer nicht die Talsohle erreicht. Täglich kommen weiter brisante Details dazu und es werden immer mehr Kinder und Eltern, die sich über Max beschweren.
Natürlich habe ich schon vor Tagen versucht, mit der Schule Kontakt aufzunehmen, aber leider ist die Schulärztin, die immer alles sehr unterstützend koordiniert nur über SMS erreichbar. Sie hat versucht, mich zu beruhigen und mir berichtet, dass sie schon Bescheid weiß. Sie gab mir die Info, dass schon überlegt wird, wie man Max helfen kann. Die LehrerInnen und die Direktorin stehen hinter Max. Wir sollen Ruhe bewahren. Wir bewahren immer Ruhe. Die Schulärztin bemüht sich sehr intensiv um Max, doch leider stößt auch sie manchmal an ihre Grenzen. Wer solche Erlebnisse nur aus Erzählungen kennt, kann sich wahrscheinlich nur ansatzweise in die Situation hineinfühlen, die wir gerade durchleben und die wir seit X Jahren durchmachen.
Es ist schrecklich. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir früher vermutlich auch oft viel zu vorschnell und unbedacht ein Urteil über Geschehenes gebildet habe. Die letzten Jahre haben mich sehr stark geprägt und ich versuche – auch in unvorstellbaren Situationen – neutral und sachlich zu bleiben. Ich möchte zuerst hinter die Kulissen blicken und mir ein Bild von der Situation machen. Natürlich bin ich auch nicht unfehlbar und es gelingt mir auch nicht immer.

9. Interaktion der Eltern

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… kurzfristig dachte ich nur: Hört denn das nie auf? Bis vor ein paar Tagen fühlte sich Max in seiner neuen Klasse sehr wohl und war von allen Kindern – so schien es –akzeptiert. Die meisten PädagogInnen waren sehr bemüht und integrierten Max gut in die Klasse. Es war der erhoffte Neustart, der durch die Entscheidung für einen Interessensschwerpunkt automatisch nach der 2. Klasse erfolgte. Read More

8. Courage

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… wohlgemerkt, sollte. Denn zu diesem Zeitpunkt reichte Max das einfach nicht mehr aus. Er strebte danach, die Situation aufgeklärt zu wissen. Dazu kam, dass sich die Ereignisse nahezu im Stundentakt überschlugen und mit der Zeit das ganze Ausmaß und die Tragweite dieser prekären Situation ans Licht kamen. Read More

7. Schule oder Gerichtssaal?

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… Max´s Papa, der übrigens David heißt, telefonierte gestern noch lange mit Geralds Eltern. Um weitere Unannehmlichkeiten zu vermeiden, haben wir gemeinsam als Eltern entschieden, die Schuld auf uns zu nehmen. In der Früh erzählte ich auch Max von unserer Entscheidung, woraufhin er Read More

6. Der Smartphonevorfall…

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Heute hat mich der Vater eines Mitschülers angerufen und das Telefonat mit den Worten „Max hat …“ eingeleitet.
Mich überkam ein Gefühl der Verzweiflung, mein Herz pochte laut und schnell in meiner Brust und vor lauter Aufregung wurde ich kurzatmig und bekam kaum Luft. Obwohl mich das mittlerweile nicht mehr schockt, überkam mich kurzfristig ein Gefühl von Verzweiflung. Ich dachte mir insgeheim: Read More

5. Unbeschwerte Zeiten…

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… diese unbeschwerten Zeiten kennen wir eigentlich nur mehr aus dem Kindergarten.In der Kindergartenzeit war das Leben sehr unbeschwert und leichtgängig. Max wurde als ein sehr begabtes Kind wahrgenommen und ist nur positiv aufgefallen. Max hatte viele Freunde, zumindest machte es den Anschein. Read More