21. Mehrdeutige Sprache

By 1. Mai 2016Allgemein

… unsere Physikprofessorin ist ein positives und erbauliches Beispiel, Max im Unterricht gut einzubinden. Aber wo Sonne ist, gibt es auch Schatten. In Geografie hatte Max eine sehr strenge Professorin. Trotz intensiver Bemühungen, in Gesprächen mit ihren Kollegen, der Schulärztin, sowie der Direktorin Verständnis für Max zu schaffen, kam sie mit seinem Verhalten einfach nicht wirklich klar. In einer Geografiestunde verfolgte Max sehr gespannt den Unterricht. Andere Kinder waren weniger interessiert und unterhielten sich mit den Sitznachbarn, bis der Lehrerin der Geduldsfaden riss und sie in die Klasse rief: „Seid jetzt bitte wieder ruhig und dreht euch um.“ Max befolgte ihre Anweisung prompt, nahm seinen Sessel und wandte sich von der Tafel ab. Sowohl für die erstaunte Pädagogin als auch für die Mitschüler eine völlig unverständliche Reaktion. Jedes „normale“ Kind – ich mag diesen Begriff zwar nicht und werde später darauf eingehen – würde diese Aufforderung „richtig“ verstehen. Warum Max nicht? Max, sowie andere Autisten übrigens, kann nicht zwischen den Zeilen lesen und damit die Zwei- bzw. Mehrdeutigkeit der Sprache erkennen. Das führt zwangsläufig zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten. Zurück in die Geografiestunde: Max fühlte sich angesprochen und verstand nicht, dass es gar nicht um ihn ging. Es kam, wie es kommen musste, denn die Professorin fühlte sich von Max provoziert und drohte ihm, dass er sich bei der Direktorin melden müsste, wenn er nicht sofort mit dem Unsinn aufhörte. Max beschäftigte sich noch am Abend über die Vorkommnisse und grübelte, was eigentlich das Problem war, der er aus seiner Sicht alles machte, was die Professorin verlangte. Ich erklärte ihm ausführlich, wie diese Situation zustande kam und schön langsam konnte er es mit seinem Verstand auflösen. Für mich war es besonders schwierig, die – für mich sonnenklare – Zweideutigkeit für Max greifbar zu machen. Manchmal fällt es mir selbst schwer, so klar und eindeutig mit Max zu kommunizieren, damit es zu keinen Unklarheiten kommt. Da muss ich mich selbst an der Nase nehmen …

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