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April 2016

20. Die Physikprofessorin

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Max erzählt immer wieder, dass es einige Lehrer gibt, von denen er sich verstanden und akzeptiert fühlt. Dann gibt es aber wiederum Pädagogen, die Max lediglich als unerzogen bezeichnen und die Diagnose Autismus sogar in Frage stellen. Für mich und meinen Ex-Mann David ist das auch nach der langen Zeit nicht nachvollziehbar.
Ich habe schon so oft versucht, die Pädagogen ins Boot zu holen und dabei gehofft, dass sie mehr Verständnis für Max aufbringen, aber leider gelingt das nicht immer. Wenn sich einzelne PädagogInnen mit dem Thema Autismus auseinandersetzen, erkennen sie, dass Max sehr gut und einfach gelenkt werden kann. Er hatte die ersten zwei Jahre im Gymnasium eine Physikprofessorin, die mir bei der ersten Begegnung versicherte, dass sie sich mit Autismus auskennt und weiß, wie sie autistische Schüler unterstützen und fördern kann. Sie erklärte mir, wie sie mit Max umging und welche Strukturen und Anweisungen er benötigt um ihn in Sachen Selbstorganisation zu fördern. Von Anfang an kommt sie hervorragend mit ihm klar und Max bezeichnet sie als absolute Lieblingslehrerin.

Am Umgang der Physikprofessorin lässt sich gut erkennen, mit welchem geringen Aufwand es möglich ist, Max im Unterricht gut zu integrieren. Natürlich ist es für Lehrer mitunter auch eine große Belastung, ein Kind mit Asperger-Autismus in der Klasse zu beschäftigen. Ich wünsche mir mehr Verständnis für Kinder wie Max und freue mich über Lehrer, die es nicht nur als Aufwand, sondern als Herausforderung und Spannung betrachten, ein autistisches Kind zu unterrichten.

19. Bedrängnis

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… und manchmal die Situationen gar nicht richtig einschätzen kann… Max hat sich schon immer wieder in sehr gefährliche Situationen gebracht, aber das, was ich heute schreibe, toppt so einiges. Eines Sommernachmittags ging Max von der Schule nach Hause, als er mich ganz aufgeregt anrief und ins Telefon brüllte: „Mama, Mama! Du musst mir helfen!“ Ich versuchte ihn zu beruhigen, damit er mir möglichst schnell und kurz berichten konnte, was davor genau passiert war. Er erzählte mir, dass er gerade einer alten Dame geholfen hatte. Bis dahin war das ja sehr lobenswert und an sich noch nichts Ungewöhnliches. Aber dann folgte das: Die Dame wurde mitten in der Stadt von zwei jungen Männern angepöbelt und kam den Männern nicht aus. Max rannte auf die Männer zu und versuchte die alte Dame zu beschützen. Die jungen Männer waren so überrascht, dass ein Kind auf sie zulief und ließen von der Dame ab und rannen davon. Niemand hatte der Dame geholfen und ich war nach dieser Geschichte froh, dass Max noch als „ganzes Kind“ nachhause kam. Zu Hause besprachen wir die Situation sehr intensiv. Ich war auf der einen Seite sehr stolz auf Max, dass er nicht wie die anderen Leute wegschaute, sondern heldenhaft handelte. Auf der anderen Seite redete ich ihm aber auch ins Gewissen, dass er sich damit in große Gefahr begab.

Fazit, wenn man das überhaupt so sagen kann: Ich weiß, dass sich Max jederzeit wieder einer solchen Situation ausliefern würde, da er mit dem Einschätzen von Gefahren nicht richtig umgehen kann.

18. Fehlinterpretationen

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… Gerechtigkeit ist im Allgemeinen ein wichtiger Wert. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ist wiederum nicht immer von Vorteil. Manchmal würde ich mir wünschen, dass sich Max nur um seine eigenen Dinge kümmert. Denn leider passiert es oft, dass sich Max in die Angelegenheiten anderer MitschülerInnen einmischt und die Situation auch fehlinterpretiert. Max hat sich nicht erst einmal in Streitereien in schlichtender Absicht eingebracht, obwohl er selbst gar nicht involviert war. Besonders heikel wird die Situation dann, wenn Max die Situation fehleinschätzt und es sich bei dem vermeintlichen Streit gar nicht um einen ernsthaften Streit handelte, sondern lediglich um ein Gerangel unter Freunden. Das Ergebnis brauche ich gar nicht weiter zu erörtern. In manchen Situationen ist es aber auch sehr wertvoll, dass Max mit seiner unerschütterlichen Gerechtigkeit einsteht…

17. Wahrheit und Wahrhaftigkeit

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… Wahrheit und Gerechtigkeit, das sind zwei Begriffe, die uns schon viele Jahre begleiten. Viele Asperger-Autisten können nicht lügen. Es fällt ihnen schwer, bzw. ist es ihnen teilweise ganz unmöglich. Max zum Beispiel kann überhaupt nicht lügen, und so versucht er auch Kleinigkeiten wie einen „Pups“ zu verheimlichen. Natürlich gelingt es ihm dann nicht, solche unangenehmen Situationen zu leugnen. Man sieht ihm das dann auch schon aus der Entfernung an, bevor er überhaupt mit der Ausführung beginnt. Das klingt nach Situationskomik, ist aber oft nicht so witzig, da Max über eine andere Wahrnehmung verfügt, die für ihn die Wahrheit darstellt.
Durch den über Jahre bestehenden intensiven Kontakt zu meinem Kind, gelingt es mir oft, Max zu überzeugen, dass er sich vielleicht auch eine andere Sichtweise anschauen soll. Und in Situationen, die ich zwischen Max und Simon manchmal mitbekomme, kann ich versuchen, als neutraler Dritter die Situation noch einmal aufzurollen. Max hat in jahrelangem Training gelernt, sich darauf einzulassen. Das ist im Schulleben natürlich nicht immer so möglich, bei einem autistischen Kind aber trotzdem oft notwendig.
Die meisten Situationen laufen ähnlich ab. Es gibt eine lange Vorgeschichte, wie zum Beispiel, dass ein Kind Max still und leise ärgert. Irgendwann läuft das Fass über und Max scheint aus dem Nichts heraus zu explodieren. Was man dann aber nur sieht ist, dass Max scheinbar aus dem Nichts heraus explodiert und plötzlich beginnt, sich lautstark verbal zu verteidigen.
Dass diese Situation schon manchmal über Tage läuft, ist oft schwer bis gar nicht zu erkennen. Manchmal hat Max Glück und ein Lehrer kann die Situation richtig einschätzen. Oft ist es aber für Lehrer auch schwierig, alle 25 Kinder ständig so detailliert im Blickfeld zu haben, um dann situationsgerecht reagieren zu können.
Im Gymnasium kommt noch dazu, dass Max nahezu jede Stunde von anderen Pädagoginnen unterrichtet wird und diese natürlich nicht mitbekommen, was in den Stunden zuvor bereits passiert ist. Für „gesunde“ Kinder ist es genauso schwierig zu verstehen, wie sich ein autistisches Kind fühlt und warum es so reagiert und sich schnell ungerecht behandelt fühlt. Der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn wirkt als zusätzlicher Verstärker. Für einen Autisten ist es dann sehr schwierig bis unmöglich, alleine wieder aus dieser Abwärtsspirale herauszutreten…