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März 2016

15. Der Computer

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Heute ist im wahrsten Sinne des Wortes ein grauer Tag. Obwohl es durch den Klassenwechsel im neuen Schuljahr einfacher für Max wurde, braute sich in den vergangenen Tagen wieder etwas zusammen, das die Situation aus dem Ruder laufen ließ. Etliche Kinder haben sich innerhalb kurzer Zeit gegen Max gestellt. Was alles hinter unserem Rücken passiert, weiß ich gar nicht im Detail. Ich weiß nur, dass sich wieder Eltern über Max beschwerten.
Max kann nicht schreiben und darf deswegen einen Computer verwenden. Für viele Eltern stellt das ein Problem dar. Dadurch entstehen wiederum vorschnell vermeidbare Gerüchte und Vorurteile, weil viele Eltern gar nicht erst nachfragen, warum Max eigentlich einen Computer im Unterricht verwenden „darf“.
Das entsteht dadurch, dass die Eltern nicht wissen, dass Max anders ist und so entsteht schnell, sehr schnell ein Vorurteil. Seine Beeinträchtigung sieht man Max von außen nicht an – und trotzdem ist sie da.
Mit jahrelanger Übung und durch seine hohe kognitive Leistung hat er es geschafft, seine Defizite gekonnt zu kaschieren. All das, was Max mühevoll erarbeitet hat, wird immer wieder durch Abwertungen seiner Umwelt zurückgesetzt. Ich mache niemandem einen Vorwurf, im Gegenteil, ich verstehe, dass man sich von einem „normal aussehenden Kind“ auch ein „normales Verhalten“ wünscht bzw. erwartet. Ein blinder Mensch bekommt eine Sehhilfe, ein immobiler Mensch bekommt einen Rollstuhl und es wird alles daran gesetzt, eine barrierefreie und rollstuhlgerechte Umgebung zu schaffen. Das finde ich auch spitze, aber für einen Autisten wird noch sehr wenig gemacht. Leider wird eine nicht sichtbare Behinderung in vielen Fällen weder erkannt noch ernst genommen.

14. Perspektivenwechsel

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… gerade weil ich die Kinder so gut verstehen kann, wie mühsam ein seltsames Kind sein kann, ist es mir umso wichtiger, dass auch die Eltern solche betroffenen Kinder unterstützen beziehungsweise sogar schützen. Vielleicht hätte ich es als Kind auch besser verstanden, wenn man mich aufgeklärt hätte, aber ich hatte die Möglichkeit gar nicht. Heute tut es mir richtig weh, wenn ich daran denke, dass ich so verletzend zu anderen Kindern war. Meine größter Lehrmeister war und ist Max. Durch Max habe ich gelernt mir Situationen durch unterschiedliche Perspektiven zu betrachten.
Je älter er wird, desto intensiver muss ich Verständnis für ihn aufbringen. Es ist schwierig, sogar sehr schwierig, aber ich möchte, dass Max seine Persönlichkeit so gut wie möglich behält und leben kann. In einem System wie der Bildungseinrichtung Schule bestehen zu können, erfordert es laufend, dass Max sich verbiegt, verstellt und beugt. Deshalb versuche ich ihn – so gut es geht – im privaten Bereich auch Max sein zu lassen. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass es mir nicht schwer fällt, denn ich finde Max sehr interessant und bin immer wieder überrascht, welches Wissen er besitzt. Aus der Sicht eines Erwachsenen ist Max´s Persönlichkeit auch sehr spannend, das höre ich im Bekanntenkreis immer wieder. Keiner unserer Freunde kann sich vorstellen, dass Max in der Schule so viele Probleme hat …

13. Ändern des Blickwinkels

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… leider gibt es dieses Bauunternehmen nicht, sonst würde ich es heute selbst gerne in Anspruch nehmen. Max kam heute aus der Schule nach Hause und weinte bitterlich. Bis ich von ihm eine Antwort bekam, dauerte es Minuten, die mir wie Stunden vorkamen. Max weinte oft, aber eben schon lange nicht mehr so intensiv wie heute. Das erinnert mich an die vergangenen zwei Schuljahre, in denen Max von anderen Schülern richtig gemobbt wurde.
Schlimm an der Geschichte ist, dass ich die Kinder, die Max sekkierten, teilweise sogar verstehe, da ich als Kind nicht anders war.
Ich fühlte mich stark, wenn ich Marc und Pauli in der Unterstufe ärgern konnte. Es war förmlich eine Genugtuung, diese beiden „seltsamen“ Buben zum Weinen zu bringen.
Heute sehe ich das natürlich mit anderen Augen und aus einem ganz anderen Blickwinkel als damals. Erstens wusste ich damals nicht, was ich getan und damit den beiden Burschen antat. Zweitens wusste meine Mutter nicht Bescheid und konnte daher auch nicht, so wie ich heute, intervenieren.
Ich habe das sehr geschickt gemacht und die LehrerInnen haben mich als brave Schülerin wahrgenommen. Die Bestätigung erhielt ich auch bei unserem Klassentreffen vor rund einem Jahr. Ich habe immer einen positiven Eindruck hinterlassen. Marc erschien erst gar nicht zum Klassentreffen und Pauli ist mir auf immer böse, was ich ihm auch nicht verübeln kann. Nachdem ich Pauli vor einem Jahr als erwachsenen Mann beim Klassentreffen wiedergesehen habe, bin ich mir 100-%ig sicher, dass er auch ein Asperger-Autist ist. Er hat sich tapfer durch die Schule gequält, wie er selbst dazu sagt und seinen Weg gemacht. Wenn ich mich richtig erinnere, dann sagte er, dass er heute als „Oberförster“ arbeite.
Obwohl es für eine Entschuldigung zu spät war, denn die Gemeinheiten saßen und sitzen noch immer tief, freue ich mich sehr für Pauli, dass er sein Leben so gut meistert…