17. Wahrheit und Wahrhaftigkeit

By 5. April 2016Allgemein

… Wahrheit und Gerechtigkeit, das sind zwei Begriffe, die uns schon viele Jahre begleiten. Viele Asperger-Autisten können nicht lügen. Es fällt ihnen schwer, bzw. ist es ihnen teilweise ganz unmöglich. Max zum Beispiel kann überhaupt nicht lügen, und so versucht er auch Kleinigkeiten wie einen „Pups“ zu verheimlichen. Natürlich gelingt es ihm dann nicht, solche unangenehmen Situationen zu leugnen. Man sieht ihm das dann auch schon aus der Entfernung an, bevor er überhaupt mit der Ausführung beginnt. Das klingt nach Situationskomik, ist aber oft nicht so witzig, da Max über eine andere Wahrnehmung verfügt, die für ihn die Wahrheit darstellt.
Durch den über Jahre bestehenden intensiven Kontakt zu meinem Kind, gelingt es mir oft, Max zu überzeugen, dass er sich vielleicht auch eine andere Sichtweise anschauen soll. Und in Situationen, die ich zwischen Max und Simon manchmal mitbekomme, kann ich versuchen, als neutraler Dritter die Situation noch einmal aufzurollen. Max hat in jahrelangem Training gelernt, sich darauf einzulassen. Das ist im Schulleben natürlich nicht immer so möglich, bei einem autistischen Kind aber trotzdem oft notwendig.
Die meisten Situationen laufen ähnlich ab. Es gibt eine lange Vorgeschichte, wie zum Beispiel, dass ein Kind Max still und leise ärgert. Irgendwann läuft das Fass über und Max scheint aus dem Nichts heraus zu explodieren. Was man dann aber nur sieht ist, dass Max scheinbar aus dem Nichts heraus explodiert und plötzlich beginnt, sich lautstark verbal zu verteidigen.
Dass diese Situation schon manchmal über Tage läuft, ist oft schwer bis gar nicht zu erkennen. Manchmal hat Max Glück und ein Lehrer kann die Situation richtig einschätzen. Oft ist es aber für Lehrer auch schwierig, alle 25 Kinder ständig so detailliert im Blickfeld zu haben, um dann situationsgerecht reagieren zu können.
Im Gymnasium kommt noch dazu, dass Max nahezu jede Stunde von anderen Pädagoginnen unterrichtet wird und diese natürlich nicht mitbekommen, was in den Stunden zuvor bereits passiert ist. Für „gesunde“ Kinder ist es genauso schwierig zu verstehen, wie sich ein autistisches Kind fühlt und warum es so reagiert und sich schnell ungerecht behandelt fühlt. Der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn wirkt als zusätzlicher Verstärker. Für einen Autisten ist es dann sehr schwierig bis unmöglich, alleine wieder aus dieser Abwärtsspirale herauszutreten…

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